Entwicklungsphasen eines Welpen und Junghundes

Der Mensch hat auf die Entwicklung eines Hundes den grössten Einfluss - positiv wie negativ. Negative Beispiele sind vielfach auch an Menschen untersucht worden, bis hin zur grausamen Psycho-Folter-Variante: der Isolation von allem Prägenden, von aller Erfahrung, von der Umwelt. Diese Lebewesen - ob Mensch oder Hund werden mit dem Kaspar Hauser-Syndrom von allem abgeschnitten, was das Leben lebenswert macht.

Gleich zu Anfang möchte ich aufräumen mit einem Märchen: Manche Züchter sagen, ein im Winter geborener Wurf sei widerstandsfähiger als einer, der im Frühjahr geworfen wurde. Natürlich ist das auch wissenschaftlich nicht erwiesen. Und: Warum werfen dann Wölfe ausschliesslich im Frühjahr? Damit sie als Junghunde im Herbst so weit sind, den Winter zu überstehen.

Da wir nun aber ins wilde Hundeleben eingreifen, wie geschickt auch immer, sollten wir uns wenigstens bemühen, die Hundenatur zu verstehen und sie zu respektieren. Was der junge Hund erlebt, wird ihn zeitlebens prägen. Was Prägung - der wichtigste Lebensabschnitt für die künftige Charakterprägung - vor allem ist, erfährt der Leser auch unter dem Begriff "Fachjargon" hier in der Hundezeitung.

Nach allem, was Hundeinteressierte inzwischen wissen können, und das ist nicht wenig, ist eine Prägung in der Phase zwischen der fünften und zwölften Lebenswoche entscheidend für die künftige Entwicklung des Hundes. Zweifellos wird jedes Lebewesen ein Leben lang geprägt. Aber die beeindruckendste und entscheidende Zeit ist die erwähnte, vom "Entdecker" der Prägephase, Konrad Lorenz erklärte. Nun unterscheiden aber einige erfahrene und biologisch geschulte Hundeforscher diese Phasen.

Eberhard Trumler, Schüler des Nobelpreisträgers Konrad Lorenz, war gewiss erfahren in Welpen von Wild- und Haushunden, und vor allem in verschiedenen Typen. Und ihm, den ich damals kennenlernte in seiner Forschungsstation im Fränkischen, haben es viele interessierte Hundefreunde zu verdanken, dass er ihnen in eindrücklicher und unterhaltsamer Weise nahebrachte, was andere Forscher nicht vermochten: das Verhalten von relativ wilden und modernen Hunden verständlich gemacht zu haben.

Er unterscheidet im Gegensatz zu Lorenz, der die Prägephase generell zwischen der fünften und zwölften Lebenswoche ansetzt, darunter verschiedene Entwicklungsphasen: In der ersten bis zweiten Lebenswoche die "vegetative Phase", in der dritten die "Übergangsphase" (dieser Begriff scheint eine Verlegenheitsdefinition zu sein, weil sie nichts Genaues aussagt, ich nenne sie Hauptentwicklungsphase), zwischen der vierten und siebten die "Prägungsphase" und zwischen der achten und zwölften die "Sozialisierungsphase". Weitere Entwicklungsstufen nach Trumler: Zwischen der dreizehnten und achtzehnten Lebenswoche die "Rangordnungsphase" und zwischen der siebzehnten und vierundzwanzigsten die "Rudelordnungsphase".

Das Beutefangen, das Verteidigen, die "Kommunikationstechniken" an Ausdrücken verfeinern sich im Zusammenspiel mit den Geschwistern. In dieser Phase tritt der Mensch in das Leben des Welpen ein. Er sollte zum Artgenossen werden. Die Bewegungen intensivieren sich, das Laufen wird sicherer.

Präsexuelle Handlungen durch Abschauen sind als Rangordnungsversuche zu werten. Nun sollte der Welpe alles kennenlernen, was für sein späteres Leben wichtig ist. Auch negative Erfahrungen, zu seinem Schutz.

Dann kommen die Phasen der Sozialisierung und Rangordnung innerhalb des eigenen Hunderudels und später im Menschenersatzrudel. Zugleich "schiessen" die Welpen, die Wachstumsphase ist enorm. Der Kampf ums Futter aus der Schüssel beginnt. Das Behaupten ist wichtig für die psychische Stärke. Hier werden die Unterschiede der Individuen innerhalb des Wurfs deutlich. Welpen, die ausreichend Futter bekommen und in Gesellschaft mit anderen Welpen fressen, werden wenig Futterneid bekommen. Aber Isolierte bekommen ihn.

Nun setzt auch der Kindergartenunterricht des Vaterrüdens ein. Er lernt den Welpen Einordnung im Rang, als Korrektur die Unterordnung. (Diese notwendige Unterscheidung für Selbstsicherheit verstehen einige Ausbilder heute noch nicht, weil sie ständig unterwürfige erwachsene Hunde wollen, keine selbstsicheren.)

Der Vaterrüde - später der menschliche Rudelführer - zeigt nun Verbote und lehrt das Beutemachen. Bei Menschen durch natürliche Spielzeuge ersetzt, leider zunehmend durch verkindlichende unnatürliche. Der Welpe lernt mit Angst, mit Aggressivität, mit Zuneigung und Ablehnung umzugehen. Er wird seinen Rang suchen und ihn zu verbessern trachten, wenn er nicht eingeordnet, notfalls untergeordnet wird. Ein eingeordneter Rang macht den Hund zufrieden und sicher.

Der Welpe muss nun beim neuen Besitzer alle Geräusche und Dinge und Lebewesen kennenlernen, die er zum Leben braucht. Mit Geduld und Konsequenz, die ihm seine Hundeeltern bereits anerzogen haben.

Hundelogische Konsequenz ist eine der schwierigsten Herausforderungen an Menschen, die keinen Bezug mehr haben zu sehr sozialfähigen Tieren wie Hunden. Es kann meist nur der bestmögliche und nicht nachlassende Versuch einer Annäherung an die Konsequenz sein, zu der Hunde imstande sind.

Der Welpe wird nun sehr aufnahmefähig und damit lernbegierig sein und alles herausfordern. Er wird bestenfalls zu einem Individuum reifen.

Jeder ist ein Individuum

Ich möchte aber zu den einzelnen Entwicklungsphasen zu bedenken geben, dass diese Phasen nicht auf alle Hundetypen zu übertragen sind. Jeder Hund im selben Wurf ist anders, ein Individuum (lat. das Unteilbare) - das Einzelwesen. Deshalb sind so genannte Wesensmerkmale bei "Rassestandards" bei grösstem Wohlwollen nur ein ganz grobgerastertes Wunschdenken oder eine oberflächliche Einschätzung.

Es gibt so genannte schnell sich psychisch (nicht unbedingt physisch!) entwickelnden Typen, meist reine Arbeitshunde wie Hüte- und Herdenschutzhunde und vermutlich auch aktive Schlittenhunde, die so jahrhundertelang selektiert wurden, weil besonders die letzteren sich schnell im Rudel behaupten mussten, und den heute modernen Gesellschafthunden, die im Grunde höchstens Teilzeitarbeiter sind, meist aber arbeitslos und daher kaum noch aktiv hundetypisch geprägt. Diese modernen Hunde sind nicht mehr gefordert und verkindlichen zusehends - leider nicht ohne Einwirkung von ihren Züchtern und späteren Besitzern.

Zu den Schnellentwicklern gehören auf jeden Fall kleine Hundetypen, denn sie müssen sich viel früher als mittel- oder gar sehr grosse Typen behaupten - gegen alles, was grösser und physisch stärker ist, aber nicht psychisch. Ein Blick auf die humanen Erkenntnisse belegt: Die meisten Diktatoren in der Menschengeschichte waren kleinwüchsiger Natur. Kleine müssen früh lernen, sich durchzusetzen, das gilt vor allem innerhalb des Wurfes.

Bereits nach der Geburt - ich vermute sogar schon innerhalb des Mutterleibs - geht es ums Überleben: wer ist zuerst an der Milchbar. Das nennt man Biotonus (Überlebenswille). Es kommt also nicht so sehr auf die physische Stärke an, sondern auf die psychische. Das zeigt sich später vor allem bei der Ausbildung und bei der Arbeit.

Die positive Einwirkung der ersten Menschen und der Umgebung auf den Welpen ist daher von entscheidendem Einfluss auf die spätere Entwicklung. Für mich, der sehr selbstbewusste Hunde bevorzugt, ist diese Zeit die wichtigste. Kleinste Hundetypen müssen in dieser Zeit ebenso angstfrei, aber umsichtig und selbstsicher aufgebaut werden wie grosse, später sehr wehrhafte.

Die Übertragung aller Charaktermerkmale der prägenden Menschen um den jungen Hund herum erzeugt den künftigen Charakter des Hundes - quasi ein Spiegel derer, die ihn geprägt habe, schlecht oder gut. Menschen übertragen im Grunde ihre Anlagen, ihren Charakter und ihre Erfahrungen auf ihre Hunde.

Prägung muss heute heissen: Vorbereitung für das künftige Leben. Auch Arbeitshunde, so erzählte mir ein Border-Collie-Trainer, in Grossbritannien werden leider isoliert auf die schlichte Arbeit als Treiber und Hüter geprägt. Quasi von der Mutter weg an die Schafe, und dann - oftmals - an die Kette. Falsch. Er muss auch auf seine unmittelbaren Arbeitsbereich geprägt werden, also an Strassenverkehr, an Fähren, an andere Menschen und Tiere.

Dieser junge, hochtalentierte Trainer holte sich für einen Haufen Geld einen Jungrüden aus England, der eben diese Sicherheit schon drauf hatte. Ein unsicherer Hütehund steckt Schafe an. Panik zeugt Panik.

Das gilt für alle Hunde und alle Präger. Vor allem aber für sehr wehrhafte und sehr selbstbewusste eigenständige Hunde wie zum Beispiel Herdenschutzhunde, die mehr können als nur ihre Schützlinge zu bewachen. Aber dazu müssen sie vorbereitet werden, von klein auf. Wie alle Lebewesen.

Sozialprägung ist im Grund einfach: Der Welpe soll weder unter- noch überfordert werden, vor allem nicht körperlich. Er soll mit allem in Kontakt treten können, alles kennenlernen (und vorsehen), was ihn in seinem künftigen Leben begegnen könnte.

Eine Gluckenmentalität behütet nicht, sie macht Neurotiker, Ängstliche, Angstbeisser. Eben Hunde, die so geprägt wurden, als gäbe es ausser der Wohnung ihres Halters nichts mehr auf dieser Welt.

So werden von ängstlichen Erwachsenen auch Kinder von jeglichen Erfahrungen isoliert. Für das Überleben jedes Lebewesens ist das eine zeitlebens wirkende Höchststrafe. Es kann auch das Leben vorzeitig kosten. Wenn ein Welpe in freier Wildbahn nicht seiner Mutter gehorcht, stirbt er. Wenn er Gefahren nicht kennenlernt, stirbt er an ihnen. Wenn er nicht lernt, wie man überlebt, überlebt er vielleicht nicht.

Sozialprägung ist also entscheidend. Alles andere sind nur noch Korrekturen und weitere Erfahrungen. Für mich ist die Sozialprägung schon beim Züchter oder auch im Tierheim der Entscheidungsgrund für oder gegen einen Welpen. Meine junge Maremmano-Hündin wurde als Welpe von der Tierheimleiterin hervorragend sozialgeprägt - auch auf vierbeinige Esel und Schafe. Als sie dreieinhalb Monate alt war, lehrte sie der erwachsene Rüde Howdy das, was er bereits ihrer Vorgängerin Sabah anbot.

Dazu ein Ausschnitt aus dem Tagebuch über Anima: Zum ersten Mal legte sich Howdy im Spielen mit Anima auf den Rücken und machte sie so "stark", weil sie über ihn gebeugt den "Kehlbiss" spielerisch üben durfte. Besonders wichtig ist dieses Rollentauschspiel, um den Welpen psychisch stark zu machen, weil er ihn auch mal "siegen" lässt. Das machen nur sehr selbstbewusste und rangsichere, also souveräne erwachsene Hunde. Sie bilden für ein starkes Rudel psychisch starken, aber eingeordneten Nachwuchs heran.

Viele Rassefanatiker machen Glauben, dass ihre "Rasse" etwas ganz Besonderes ist. Ist es eben nicht, verkauft sich nur besser. Aber jeder Hund ist etwas Besonderes, ein Individuum eben. Und jeder Hund, auch innerhalb eines Wurfs, ist anders, wie bei allen Lebewesen.

Der Hund ist zu vielem fähig, wie wir wissen, Spezialistentum wird gepredigt, die Hunde blamieren ihre Möchtegern-Spezialisten ("Der kann das nicht, das ist nicht seine Art, dafür wurde er nicht ausgebildet"), weil sie mehr können wollen als ihr Halter zu tun oder zu lernen bereit ist. Selbst Herdenschutzhunde, die zu den jagdtriebschwächsten Typen gehören, können vorstehen. Wie das? Wie ein Vorstehhund, der vor der Beute so lange verharrt und die Beute mit Augenfixieren bannt, bis der Jäger da ist.

Ein Herdenschutzhund wird nie ein echter Jagdhund, um diese beiden Extreme mal vor Augen zu führen. Aber er ist eben auch noch vom Stamme der Beutejäger, wie es alle Caniden sind, selbst die dekadent gezüchteten. Er hat diesen angewinkelten Vorderlauf als Zeichen des Vorstehens noch instinktiv gespeichert - kann nur nichts mehr damit anfangen. Wie bei Hühnern, die selbst auf Betonboden noch scharren: eine Instinkthandlung.

Wird ein Hund möglichst natürlich, also hundeartig gehalten, bleibt er instinktsicher. Darauf sollte unser ganzes Bemühen gerichtet sein: ein Hund ist ein Hund ist ein Hund.

Wie geht es weiter?

Der vollendete Zahnwechsel (die Zähnezahl vergrössert sich von 28 auf 42), meist im sechsten Monat, macht aus dem Welpen einen Junghund. Bis zum siebten Monat erfährt der Junghund noch mal ein deutliches Wachstum. Die Knochen strecken sich und recken sich. Man meint, ein schlampig verarbeitetes Stück Möbel vor sich zu haben, so ungelenk und schlaksig sieht der Hund aus. Da haben die Röhrenknochen noch etliche Zentimeter Platz zum Auswachsen.

Fast unproportional sieht der junge Hund aus. Wenn er an der Kruppe (vor dem Rutenansatz) überbaut ist, also höher steht als an der Schulter, kann sich das in dieser Phase alles ausgleichen. Da knirscht es schon mal in den Gelenken, weil alles noch nicht so richtig zusammenpasst, und wenn man nicht aufpasst, können sich Fehlstellungen einbauen. Das Gebiss steht im siebten Monat in voller Grösse und Anzahl und ist so weiss, wie es nie mehr der Fall sein wird.

Die Ausbildung geht in ihre zweite intensive Phase: Er muss testen, was alles so geht, was er sich erlauben kann und nicht, welchen Rang er erobern kann und was alles so schmeckt, was nicht für ihn gedacht ist. Der junge Hund muss seine Kräfte messen. An anderen, die ihn zurecht weisen. Er lernt viel.

Der Knochen- und Muskelaufbau ist bei grosswüchsigen Hunden erst im zweiten Lebensjahr abgeschlossen. Sie sind auch später voll entwickelt als kleinwüchsige. Sie leben auch kürzer.

Pubertät und die mitunter unliebsamen Folgen

Die Pubertät (Geschlechtsreife) beginnt, je nach Entwicklungsgrösse des Hundetyps sehr unterschiedlich zwischen dem schon ungesunden fünften Monat bei Kleinsthunden bis fast oder gar mehr als zwölf Monaten bei sehr grossen Typen. Geschlechtsreife Rüden werden angeruchs einer läufigen Hündin selbst in weiterer Entfernung zu Ausbruchskönigen und Sexmaniacs. Sie sind äusserst angespannt und nutzen jede Möglichkeit zum Auffinden dieser Lockstoffe. Für die Besitzer heisst dies erhöhte Vorsicht, denn Rüden sind in dieser Phase zu allem bereit und zu allem fähig, wenn es um ihre Fortpflanzungsbereitschaft geht.

Die Gefahr, in ein Auto zu laufen, ist dabei nur eine von vielen. Er wird in jedem Fall für diese zwei bis drei Wochen der reizend läufigen Hündin abmagern. Er denkt an nichts anderes. Wird es schlimmer, kann man durchaus an eine Kastration (siehe auch "Fachjargon") denken, ohne menschliche Vorurteile.

Die Besitzer läufiger Hündinnen müssen ihrerseits aufreitbereite Rüden abwehren, beziehungsweise ein ungewolltes Decken vermeiden. In dieser Phase haben die Menschen, die sich schliesslich die Hunde zugelegt haben, auch eine Verantwortung. Es gibt genug ungewollte Hunde.

Typisch ist das Geschwätz wie das eines Bauern, der just seinen Rüden frei laufen liess, als eine Hündin läufig war, der Rüde dann "natürlich" jaulend und demonstrierend vor dem Haus der läufigen Hündin sass, worauf diese Besitzer nicht mehr mit der Hündin aus dem Haus konnten, dieser Bauer sagte dann nur: "Das sei halt Natur!" Da ausgerechnet fiel dem Bauern die Natürlichkeit seines sonst an der Kette gefesselten Hundes ein. Oder dachte er nur an sich, beziehungsweise seinen Rüden, um dessen Sexualleben er sich plötzlich Sorgen machte? Oder dachte er mal an seine Vorfahren, respektive die Mägde, die ihren Lehnherrn zu Willen sein mussten?

Ich antwortete der Hündin-Besitzerin: Bei "erfolgreicher" Zeugung legen Sie ihm den kompletten Wurf ins Wohnzimmer, und zwar dann, wenn dessen Kinder zugegen sind. Wer sorgt für unerwünschte oder ungewollte Würfe? Tierheime sind voll von solcher "Natürlichkeit", die nur Verantwortungslosigkeit war.

Diese - normalerweise zweimal jährlich - zwischen drei und vier Wochen erhöhte Rück- und Vorsicht bei läufigen Hündinnen und deckbereiten Rüden sollte man noch aufbringen können.

 

Quelle Aus dem Buch "Welpen auf was muss ich achten"

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